Anthropics CEO spricht im exklusiven CBS-News-Interview Klartext: Die Massnahmen des Pentagons sind beispiellos, die roten Linien bleiben — und das Unternehmen ist bereit, die Konsequenzen zu tragen.
Stunden nachdem Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic offiziell als «Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit» eingestuft hatte, setzte sich Dario Amodei mit CBS-News-Korrespondentin Jo Ling Kent vor die Kamera.
Das Resultat: Das offenste, direkteste Interview seit Beginn des Konflikts. Amodei nannte die Massnahmen «retaliatory and punitive», verteidigte seine roten Linien als «amerikanische Werte» — und machte klar: Anthropic steht, auch wenn es wehtut.
«Retaliatory and Punitive» — Die direkte Aussage
Auf die Frage, wie er die Massnahmen des Pentagons bewerte, liess Amodei keine Interpretationsspielräume:
«You know, this has never happened before. This designation has never happened before with an American company. And I think it was made very clear in some of their statements, in some of their language that this was retaliatory and punitive. I don't know what else to call it. Retaliatory and punitive.» «Weisst du, das ist noch nie zuvor passiert. Diese Einstufung hat es noch nie bei einem amerikanischen Unternehmen gegeben. Und ich glaube, es wurde in einigen ihrer Aussagen, in ihrer Sprache sehr deutlich, dass dies vergeltend und strafend war. Ich weiss nicht, wie ich es sonst nennen soll. Vergeltend und strafend.» [00:08]
Die Supply-Chain-Designation, so Amodei, sei ein Instrument, das bisher ausschliesslich gegen ausländische Bedrohungen eingesetzt wurde:
«To our knowledge, the supply chain designation has never been applied to an American company. It has only been applied to adversaries — Kaspersky Labs, a Russian cybersecurity company suspected of ties to the Russian government. Chinese chip suppliers. Being lumped in with them feels very punitive and inappropriate, given the amount that we've done for U.S. national security.» «Soweit wir wissen, wurde die Lieferketten-Einstufung noch nie auf ein amerikanisches Unternehmen angewendet. Sie wurde bisher nur auf Gegner angewendet — Kaspersky Labs, ein russisches Cybersicherheitsunternehmen mit mutmasslichen Verbindungen zur russischen Regierung. Chinesische Chip-Zulieferer. Mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden, fühlt sich sehr strafend und unangemessen an, angesichts dessen, was wir für die nationale Sicherheit der USA geleistet haben.» [01:45]
Das Prinzip der Roten Linien
Amodei machte deutlich, dass Anthropic nicht prinzipiell gegen die Zusammenarbeit mit dem Militär sei — aber nur unter klaren Bedingungen:
«We are willing to serve the national security of this country. We are willing to provide our models to all branches of the government, including the Department of War, the intelligence community, the more civilian branches of the government — under the terms that we've provided, under our red lines.» «Wir sind bereit, der nationalen Sicherheit dieses Landes zu dienen. Wir sind bereit, unsere Modelle allen Regierungszweigen zur Verfügung zu stellen, einschliesslich des Verteidigungsministeriums, der Nachrichtendienstgemeinschaft, den eher zivilen Regierungszweigen — unter den Bedingungen, die wir vorgelegt haben, unter unseren roten Linien.» [02:30]
«We believe that crossing those red lines is contrary to American values. And we wanted to stand up for American values.» «Wir glauben, dass das Überschreiten dieser roten Linien gegen amerikanische Werte verstösst. Und wir wollten für amerikanische Werte eintreten.» [04:12]
«Look, I have no crystal ball. For our part, our position is clear. We have these two red lines. We've had them from day one. We're not gonna move on those red lines. If we can get to the point with the department where we can see things the same way, then perhaps there could be an agreement.» «Schau, ich habe keine Kristallkugel. Unsererseits ist unsere Position klar. Wir haben diese zwei roten Linien. Wir hatten sie von Anfang an. Wir werden diese roten Linien nicht aufgeben. Wenn wir mit dem Ministerium einen gemeinsamen Nenner finden können, dann könnte es vielleicht zu einer Einigung kommen.» [05:55]
Erster Verfassungszusatz als Verteidigung
Besonders brisant: Amodei berief sich explizit auf das First-Amendment-Recht:
«When we were threatened with supply chain designation and Defense Production Act — which are unprecedented intrusions into the private economy by the government — we exercised our classic First Amendment rights to speak up and disagree with the government. Disagreeing with the government is the most American thing in the world.» «Als man uns mit der Lieferketten-Einstufung und dem Defense Production Act bedrohte — was beispiellose staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft darstellen — nutzten wir unser klassisches Recht auf freie Meinungsäusserung nach dem Ersten Verfassungszusatz, um unsere Stimme zu erheben und der Regierung zu widersprechen. Der Regierung zu widersprechen ist das Amerikanischste der Welt.» [07:20]
Der menschliche Aspekt
Am eindrücklichsten wurde Amodei, als er von Gesprächen mit Militärangehörigen vor Ort berichtete:
«I've talked to people on the ground, uniformed military officers, who say: 'This is essential. Not having this will set us back six months, 12 months, maybe longer.'» «Ich habe mit Leuten vor Ort gesprochen, uniformierten Militäroffizieren, die sagen: ‹Das ist unverzichtbar. Wenn wir das nicht haben, werden wir sechs Monate, 12 Monate, vielleicht länger zurückgeworfen.›» [09:10]
«The three-day ultimatum, the risk to designate us a supply chain — the whole timeline has been driven by the Department of War, not by us. We are trying to provide continuity. We're trying to reach a deal here.» «Das Dreitages-Ultimatum, das Risiko der Lieferketten-Einstufung — die gesamte Zeitlinie wurde vom Verteidigungsministerium vorgegeben, nicht von uns. Wir versuchen, Kontinuität zu gewährleisten. Wir versuchen, hier eine Einigung zu erzielen.» [10:45]
Was das bedeutet
Der Konflikt zwischen Anthropic und der Trump-Administration ist mehr als ein Vertragsstreit. Es ist eine Grundsatzfrage: Wer entscheidet, wofür KI eingesetzt werden darf?
Anthropic sagt: wir, nach ethischen Grundsätzen. Die Trump-Administration sagt: wir, per Dekret.
Amodeis Auftreten im CBS-Interview war das Gegenteil von Einknicken. Er nannte die Massnahmen beim Namen, verteidigte sein Unternehmen — und liess keinen Zweifel daran, dass er bereit ist, die Konsequenzen zu tragen.